Nachtgedanken (1843) Heinrich Heine

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd‘ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt — wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich — Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual;
Mir ist, als wälzten sich die Leichen,
Auf meine Brust — Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Ungarn (1849)

Heinrich Heine

Wenn ich den Namen Ungarn hör,

wird mir das deutsche Wams zu enge.

Es braust darunter wie ein Meer,

mir ist, als grüßten mich Trompetenklänge.

Es ist dasselbe Heldenlos,

es sind dieselben alten Mären,

die Namen sind verändert bloß,

doch sind’s dieselben Helden lobebären.

Es ist dasselbe Schicksal auch –

Wie stolz und frei die Fahnen fliegen,

es muß der Held, nach altem Brauch,

den tierisch rohen Mächten unterliegen.

Das heult und bellt und grunzt, ich kann

ertragen kaum den Duft der Sieger.

Doch still, Poet, das greift dich an,

du bist so krank, und schweigen wäre

klüger.

Tiefe Trauer und Anteilnahme spricht aus diesem Gedicht. 1849 geschrieben, als die ungarische Revolution, die blutigste in ganz Europa, in einem Meer von Kosaken ertränkt wurde. Der russische Zar war aus Angst, das Feuer der Revolution könne auf sein Land übergreifen, dem vormaligen Feind, Habsburg, zu Hilfe geeilt.